Warum Aristoteles Postkarten verschickt hätte. Teil II. - Istillwritecards

January 25, 2017 5 Comments

Warum Aristoteles Postkarten verschickt hätte.
Form vor Inhalt: Ein kurzer Aufsatz über Philosophie, Postkarten und Babys, die mit Klötzchen spielen.

(Teil II von II)

Philosophen versammeln sich in der Schule von Athen.
Die hitzige Debatte über Postkarten geht weiter. Ruf ruhig dazwischen! (Bildquelle: Wikimedia.)


Dies ist Teil 2 eines zweiteiligen Artikels. Um Teil 1 zu lesen, klick bitte hier.

Aristoteles erklärt die Medien

Im Analogieschluss können wir diese Beobachtungen auch auf eine Situation anwenden, in der wir nach dem richtigen Medium suchen, um unsere Mitteilung zu transportieren. Grundsätzlich ist sofort offensichtlich, dass die Form des Kommunikationsmittels eine bedeutende Rolle spielt: Wir nehmen jede Botschaft im Kontext ihrer Übertragung wahr und jede Form eröffnet uns individuelle Ausdrucksmöglichkeiten.
Die vier aristotelischen Ursachen lassen sich ausgezeichnet als eine Methode nützen, um das richtige Medium zu wählen. Ein Beispiel:

  • Wirkursache: Das bin ich, der Kommunizierende.

  • Zielursache: Ich möchte jemandem meine persönliche Wertschätzung vermitteln. Wenn möglich, soll sie sich noch lange an meine Anerkennung erinnern.

  • Material(ursache): Gewisse Dinge, die ich gerne ausdrücken möchte. Meine wohlwollenden Gedanken über eine Person.

  • Form(ursache): Die Form, die ich wähle, um meine Sympathie zu kommunizieren. In diesem Fall ist das Medium meiner Wahl die Postkarte.

Warum, ist rasch erklärt: Die Form könnte eine SMS sein, aber hier liegt ein Widerspruch zu zwei anderen Punkten vor. Die SMS bietet mir nämlich nur wenig Spielraum, mich zu artikulieren und sie wird schnell weggedrückt und vergessen. Entweder die Empfängerin löscht sie sofort oder sie versinkt im elektronischen Archiv. Das widerspricht, erstens, der Zielursache: Ich möchte bleibenden Eindruck hinterlassen. Zweitens besteht ein Konflikt mit dem Material: Meine Gedanken passen nicht in eine SMS.
Beides lässt sich leicht mit einer Postkarte lösen: Ich habe mehr Platz und die Handschriftlichkeit zeigt der Adressatin, dass ich mir Zeit für sie genommen habe. Meine Worte erhalten so größeres Gewicht und eine Karte mit schönem Motiv erhöht ihre Wirkung zusätzlich. Die Empfängerin wird sich länger an meine Botschaft erinnern und die Karte oft auch physisch aufbewahren, vielleicht sogar an die Wand hängen, wo sie fortan in ihrem täglichen Leben immer wieder mal aufblitzen wird.

Also: Aristoteles mag Postkarten

Aristoteles’ Beobachtungen ermöglichen uns die Befreiung aus der Verhedderung im Mediennetz der Gegenwart. Seine Betonung der Form verdeutlicht uns, dass es beim Kommunizieren nicht immer nur darum geht, schnörkellos das allernötigste Minimum zu vermitteln, sondern, je nach Anlass, bewusst zwischen verfügbaren Medien zu wählen. Sonst kommt es zu einem paradoxen Effekt: Wir haben mehr Kommunikationstechnologien zur Verfügung, nutzen aber weniger. Wir verarmen kulturell, weil wir uns selbst grundlos einschränken.

Alle Medien haben ihren Platz, aber Aristoteles weist uns freundlich darauf hin, dass in der zwischenmenschlichen Verständigung Ästhetik, Individualität und die Zelebration von Kulturtechniken wie Kunst und Handschrift besonders bedeutsam sind. Dafür steht die meisterlich gestaltete Postkarte mit auserlesenen und berückend schönen Motiven aus der Malerei oder Photographie.

Die versprochenen Babys zum krönenden Abschluss. In welche Form passt der Gegenstand Deiner Mitteilung, ist er kreis- oder sternförmig, SMS oder Postkarte?

So weit, so gut. Natürlich kann man jede Idee stets noch ein bisschen besser mithilfe von Babys und ihrem Umgang mit Spielzeug veranschaulichen. Vielleicht hast Du als kleines Kind mit einem Steckwürfel gespielt – Du weißt schon, diese Box mit den vielen Öffnungen in Form geometrischer Figuren, in die man die passenden Klötze (Sterne, Kreise,…) drücken muss.

So ähnlich wie der hier, bloß wahrscheinlich richtig dreidimensional und im Einklang mit den Gesetzen der Physik gebaut:

Steckwürfel illustrieren die Suche nach der richtigen Form für unsere Kommunikation

(Einige klärende Worte zu diesem Bild: Ein Steckwürfel. Ich wollte Christine nicht mit der Bitte nach so einer trivialen Zeichnung stören, da sie zweifellos gerade an einem neuen Meisterwerk für zukünftige Postkarten arbeitet. Daher habe ich ein Kleinkind gebeten, sich der Sache anzunehmen. Schließlich können Kleinkinder keine Urheberrechtsansprüche stellen, wenn Du verstehst, was ich meine. Das hat zu einer erstaunlichen und wundervollen Entdeckung geführt: Du würdest nicht glauben, wie viele Menschen, die man sein Leben lang für Erwachsene gehalten hat, insgeheim die ganze Zeit über Kleinkinder waren. Man muss ihnen nur ein paar Buntstifte in die Hand drücken, damit sie sich enttarnen.
Oh, übrigens: Falls Du auf der Vorderseite des Würfels eine Nase und zwei Augen siehst, keine Angst, das ist nur ein Fall von Pareidolie.)

Du kannst natürlich versuchen, Deine sternförmige Zuneigungsbekundung mit Gewalt in eine kreisförmige Öffnung zu quetschen, und wenn das Material aus billigem Plastik besteht und somit biegsam genug ist, wirst Du es auch irgendwie in das Behältnis bekommen. Aber deutlich eleganter wäre es doch, Deine Gedanken stilgerecht in die passende Form der Postkarte zu stecken und sie so ohne Gewalteinwirkung in den Kopf des Empfängers zu transferieren. Also, warum sollte man eine persönliche Mitteilung wie ein formenblindes Baby in eine SMS zwingen, wenn sie doch besser in eine Postkarte passt?


Geschrieben von David Weger.
Bitte fühle Dich herzlich zur Konversation in den Kommentaren eingeladen, wenn Du gerne etwas hinzufügen würdest (oder auch wenn Du etwas abziehen, multiplizieren oder sonstige mathematische und nicht-mathematische Wundertaten vollbringen willst).


5 Responses

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

February 19, 2017

Liebe Johanna, danke für das aufmerksame Lesen! :)

Johanna
Johanna

February 11, 2017

Lieber David, du sprichst mir aus der Seele, wenn du schreibst: "dass es beim Kommunizieren nicht immer nur darum geht, schnörkellos das allernötigste Minimum zu vermitteln, sondern, je nach Anlass, bewusst zwischen verfügbaren Medien zu wählen. " Wie auch beim Sprechen der Ton die Musik macht, vermag im Schriftlichen bereits das Medium eine Botschaft komplett zu verändern. Und ja, da spricht auch die Romantikerin aus mir. ;)
Danke für den tollen Text!

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

February 11, 2017

Liebe Gudrun, danke für die netten Worte. Ich habe soeben einen neuen deutschen Blogeintrag (The medium is the message. Teil 1.) online gestellt.
Nachdem in diesem Artikel ein Baby aufgetaucht ist, hält der nächste Post eine Babykarotte bereit. Wobei, um die Karotte geht es eigentlich nicht. Sie spielt – passend zu ihrem Namen – nur eine kleine Rolle. Aber sieh selbst… :)

Gudrun
Gudrun

February 05, 2017

warte schon dringend auf eine Fortsetzung :-)
und die Seite gefällt mir jetzt insgesamt sehr gut

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

January 25, 2017

Das Kind hat mich wohl mit seinen unausgewachsenen Miniaturohren nicht vollständig verstanden. Dementsprechend hat es dann auch nur diesen halbfertigen und schiefen Steckwürfel gezeichnet. Man sieht: Angemessene Kommunikation ist wichtig! Ich hätte dem kleinen Lauser vermutlich eine Postkarte senden sollen!

Leave a comment


Also in Postalgie: eine moderne Liebeserklärung an Kunst & Karten

Von Posträubern, Marines und Babys, die als Pakete reisen. Teil 2 von 2.

August 26, 2017

Ein Baby sitzt in einer Posttasche und wartet darauf, die Reise seines Lebens zu beginnen.
Eine animierte Kurzgeschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert. Teil 2: Posträuber und Marines.

Continue Reading

Von Posträubern, Marines und Babys, die als Pakete reisen. Teil 1 von 2.

July 03, 2017 4 Comments

Ein Baby sitzt in einer Posttasche und wartet darauf, die Reise seines Lebens zu beginnen.
Eine animierte Kurzgeschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert. Teil 1: Briefträger und Babys.

Continue Reading

Die ‚Digital Natives’ sehnen sich nach einem analogen Leben. Teil 3 von 3.

May 25, 2017

Su Blackwells Buchskulptur mit dem Titel 'Once Upon a Time, 2016'.
Geschichte einer medienkulturellen Renaissance: Vom Verschwinden der Dinge und ihrer Rückkehr. Teil 3: Das - nicht ganz so ernste - Duell zwischen Postkarte und E-Mail.

Continue Reading