Warum Aristoteles Postkarten verschickt hätte. Teil I. - Istillwritecards

January 22, 2017 3 Comments

Warum Aristoteles Postkarten verschickt hätte.
Form vor Inhalt: Ein kurzer Aufsatz über Philosophie, Postkarten und Babys, die mit Klötzchen spielen.

(Teil I von II)

Ich strahle jedes Mal wie ein Honigkuchenpferd, wenn ich eine Postkarte im Briefkasten vorfinde. Den meisten meiner Freunde geht es ebenso. Leider kriegen wir aber fast ausschließlich Rechnungen. Was ist da los?

Philosophen versammeln sich in der Schule von Athen.
Diese Philosophen scheinen in eine Konversation über Postkarten vertieft zu sein. Vielleicht möchtest Du Dich der illustren Runde gerne anschließen? (Bildquelle: Wikimedia.)

Verheddert im Mediennetz

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, bedienen wir uns alle im Alltag einer Vielfalt an Kommunikationsmitteln. Die Optionen, die uns dabei offenstehen, haben sich im Laufe der Geschichte drastisch vermehrt. Persönliche Gespräche und Telefonanrufe reihen sich neben Facebook-Postings, Twitter-Nachrichten, E-Mails und die weihnachtliche Grußkarte oder die Ansichtskarte aus dem Urlaub.

In der Regel wählen wir weitgehend unbewusst zwischen diesen Möglichkeiten. Dadurch werden manche Medien wie Postkarten oder Briefe beinahe von selbst marginalisiert: Obwohl sie uns eigentlich nach wie vor jederzeit zugänglich sind und wir sie als ästhetisch ansprechend bewerten, sind handschriftliche Botschaften zu seltenen Luxusartikeln geworden.

Sie verschwinden aus unserem Leben, ohne, dass wir jemals bewusst den Entschluss gefasst hätten, auf sie zu verzichten. Kaum jemand spricht über diese Leerstelle in unserer Kommunikation. Das ist umso erstaunlicher, als der Wettstreit zwischen gedruckten und elektronischen Büchern im Feuilleton regelmäßig als ein Kulturkampf inszeniert wird, der auch bei den Leserkommentaren leidenschaftliche Debatten auslöst.

Allerhöchste Zeit also, etwas reflektierter an die Form heranzugehen, die wir für unsere Nachrichten wählen. Bei dieser Suche nach mehr Klarheit kann uns ein Denker unterstützen, der in einfacheren Zeiten lebte, als sogar die Schrift noch verhältnismäßig neu war – lange jedenfalls, bevor man von einer Vielzahl an Medien überwältigt wurde.

 Auftritt Aristoteles:

Aristoteles grübelt über Postkarten nach.
Aristoteles, vermutlich über Postkarten sinnierend.
(Bildquelle: Wikimedia / Jastrow.)

Aristoteles erklärt die Welt

Der griechische Philosoph Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) war ein Schüler Platons und Lehrer von Alexander dem Großen.
Legendär ist der Freitod des Sokrates’ durch einen Schierlingsbecher. (Irgendwann war er wohl seinen Mitbürgern durch all die lästigen Fragen so sehr auf die Nerven gegangen, dass man ihn in einem kontroversen Gerichtsprozess zum Tode verurteilt hatte. Vor die Wahl gestellt, trank Sokrates lieber Gift als zu fliehen, um die eigenen Prinzipien nicht zu verraten.) Weniger bekannt ist, dass Aristoteles seinerseits rund 70 Jahre später vor einer drohenden Anklage aus Athen floh – nach eigener Aussage, um den Athenern kein zweites Mal die Möglichkeit zu geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen.

Aristoteles war ein Universalgelehrter, der Schriften zu so unterschiedlichen Bereichen wie Logik, Biologie, Ethik, Politik, Physik, Dichtung und Theater verfasste. Als ‚früher Wissenschaftler’ sammelte er zudem systematisch Daten und ersann Interpretationsmodelle. Im Zuge dieser Überlegungen fragte Aristoteles nach der grundlegenden Struktur der Dinge: Wie entsteht etwas und warum verändert es sich?

Seine Erklärung ist leicht zu verstehen und hilft uns auch dabei, über Medien nachzudenken. Stell Dir eine Bronzestatue vor, vielleicht einen Diskuswerfer in Bewegung oder, wenn Du möchtest, auch die heurige Oscartrophäe (ja, die sind nur vergoldet).

So wie dieser alte Knabe:

Ein Bronzeathlet. Natürlich liebte er zu Lebzeiten Postkarten.
Ein antiker Sportsfreund.
(Bildquelle: Wikimedia / MatthiasKabel.)

Aristoteles unterscheidet vier Faktoren bei der Entstehung dieser Statue:

  • Materialursache: Die Materie ist Bronze. An der Materie geschieht die Veränderung, sie kann verschiedene Formen annehmen.

  • Formursache: Die Form der Statue, die beispielsweise nach einem Modell gestaltet wird. Zur Form gehören auch eine spezifische Struktur und Eigenschaften. Formen sind beispielsweise im Tierreich durch Arten repräsentiert, eine bestimmte Form bringt hier bei der Fortpflanzung gleiche Formen hervor.

  • Wirkursache: Wirkursache ist der Künstler und seine Bearbeitung der Statue mit einem Hammer, wodurch die Materie in eine spezifische Form überführt wird.

  • Zielursache: Zweck oder Ziel des Veränderungsprozesses. Die Statue wird erschaffen, um als Dekoration oder für die Oscarverleihung zu fungieren. Auch wenn diese Funktion chronologisch betrachtet erst am Ende steht, ist sie doch zugleich schon die anfängliche Motivation hinter der Arbeit des Künstlers und verantwortlich für die Form und Eigenschaften, die er der Statue gibt.

Wenn man das Wort ‚Bronzestatue’ betrachtet, erkennt man leicht, dass wir bis in die gegenwärtige Sprache zwei dieser Punkte für besonders wichtig befinden: Materie (Bronze) und Form (Statue). Und einer dieser zwei Begriffe ist noch einmal um einen kleinen Tick bedeutsamer: die Form. Das lässt sich beobachten, wenn ein Museumsbesucher die Aufmerksamkeit seines Freundes schnell auf ein bestimmtes Ausstellungsstück lenken möchte. Er wird dann normalerweise rufen: „Schau dir mal diese Statue an!“ und eher selten wird man von ihm hören: „Sieh da, welch prächtige Bronze!“.
(Natürlich sollte er in einem Museum überhaupt nicht so laut sein, aber das ist eine andere Geschichte, und das Museum ist ohnehin nur fiktiv, also kann er schreien so viel er will, es wird ihn keiner hören! Muahahaha!…ähem…Entschuldigung, manchmal gewinnt meine geheime Superschurkenhälfte die Oberhand. Zurück zu den entzückenden Postkarten…)

Aristoteles unterstreicht jedenfalls diese größere Wichtigkeit der Form vor der Materie. Die Form gibt der Materie ihre Gestalt. Alles was wir betrachten, begreifen wir dadurch, dass wir es als eine bestimmte Form wahrnehmen.

- Ende Teil I von II. Um Teil 2 zu lesen, klick bitte hier. -

 

Aber was bedeutet diese Vorliebe für die Form einer Sache nun für unseren Umgang mit Kommunikationsmedien? Und wo kommen, um Himmels willen, die Babys ins Spiel? Um das herauszufinden, schau bitte auch beim nächsten Mal wieder rein, wenn es heißt: Die Weisheit der Alten trifft auf die Intuition der Jungen und kommt so zu einer überraschenden Erkenntnis!

Dieser Blogeintrag ist verfasst und moderiert von David Weger, exklusiv für Istillwritecards. Wenn Du uns gerne Deine eigene Meinung über Postkarten mitteilen oder darüber spekulieren möchtest, was sie mit Babys zu tun haben, würden wir uns freuen, Dich im Kommentarbereich begrüßen zu dürfen!



3 Responses

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

January 25, 2017

Hallo Johanna, schön, dass Dir unsere Karten gefallen und Dich der Text unterhält. Der zweite Teil dieses Artikels ist jetzt auch auf Deutsch online, viel Spaß damit!

Johanna
Johanna

January 23, 2017

So spannend! Kanns kaum erwarten, zu erfahren, was die Babies mit diesen wunderschönen Postkarten zu tun haben! :)

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

January 22, 2017

Ist zwar geschummelt, aber: Erster! Manchmal bin ich sehr optimistisch… :)

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