Von Posträubern, Marines und Babys, die als Pakete reisen. Teil 2. - Istillwritecards

August 26, 2017

Von Posträubern, Marines und Babys, die als Pakete reisen.

(Teil 2 von 2)

Wer bin ich und was mache ich hier?
(Bild: Ausschnitt aus 'Uniformed Letter Carrier with Child in Mailbag' von Smithsonian Institution. Public Domain.)


Dies ist Teil 2 eines zweiteiligen Artikels. Um Teil 1 zu lesen, klick bitte hier.

Aber zurück zu den Räubern, deren Verlangen danach, Posttaschen zu schultern, vielleicht noch größer war als das der trendbewussten Jute- und Turnbeutelträger heutzutage. Das Konzept war einfach: Säcke abgreifen und sich aus dem Staub machen. Der Film 'The Great Train Robbery', produziert 1903 durch die Edison Manufacturing Co., veranschaulicht den Prozess gut:

 

(Untertitel: "Ich kann es kaum erwarten, die Karten zu lesen!")

 

Hier der inoffizielle Dialog zur Szene:
Bandit 1: Ho Ho Ho! Haltet eure Hüte fest und ab durch die Mitte!
Bandit 2: Hoffentlich haben wir diesmal ein Baby drin! Hihi!
Bandit 3: Stimmt, wir könnten einen kleinen Desperado für die Bande gut brauchen.
Bandit 4: Der stylishe Beutel ist nachher meiner! Yeehaaw!

Anschließend kam es zum tumultuösen Auspacken der Beute - Eindrücke, wie wir sie heute nur von Videos kennen, in denen exaltierte YouTuber ihre Einkäufe präsentieren:

 

 (Untertitel: "Postkarten von istillwritecards! Wir sind reich!")

 

Wenn die Halunken Glück hatten, enthielten die geplünderten Säcke Postkarten mit der Wertigkeit von istillwritecards-Produkten. Dann hatten die Gauner finanziell ausgesorgt und gleichzeitig als Antidot für ihre Einsamkeit herzerwärmenden Lesestoff bis ans Lebensende, denn Kunstkartenliebhaberinnen schreiben bekanntlich die leidenschaftlichsten und kreativsten Texte.

So zumindest gestalteten sich die Tagträume der vom Eisenbahnrütteln gewiegten Posträuber und in dieser noch mit schwarzem Bleistift auf blassem Papier skizzierten Hell-Dunkel-Welt schien vieles möglich. So greifbar war der durch das Herumhüpfen mit entwendeten Postsäcken zu erreichende Wohlstand tatsächlich, dass sich die Tagträume der einen in einen Albtraum für jene verwandelten, die mit der Aufrechterhaltung eines geregelten Postbetriebs betraut waren.

Kurz: Die Situation wurde für Post und Staat untragbar. Und das, obwohl viele Briefträger selbst nicht unbedingt zartbesaitet waren. Die Arbeiter in einem Postwagen trugen ohnehin vorschriftsmäßig Pistolen. Aber auch andere Postbedienstete ließen sie sich nicht so leicht einschüchtern, wie das Beispiel eines Boten zeigt, der 1920 in Louisiana von zwei Maskierten zweifach angeschossen wurde, weil er sich weigerte, seine Lieferung auszuhändigen, und dann die Fliehenden so lange verfolgte, bis er durch den Blutverlust ohnmächtig wurde.

An dieser Stelle wird die Geschichte ein wenig wilder. Wen ruft man also, wenn in der Nachbarschaft etwas faul ist? Ghostbusters! Den U.S. Marine Corps. Der Plan war raffiniert: Ähnlich dem heute bekannten Flecktarnmuster wurde Tarnkleidung geschneidert, die als Material Postsäcke, Kuverts und Ansichtskarten nutzte. Unter dem Decknamen 'Brieffreund' infiltrierte man systematisch und behutsam... Aber wem will ich hier einen Bären aufbinden? Der Plan war einfach: Schießen!

Ja, wirklich: Auf Anordnung von U.S. Präsident Harding begannen ab November 1921 im ganzen Land Grüppchen von je 2-3 Marines Posttransporte zu begleiten. Und ihre Einsatzregeln waren so klar wie kompromisslos: Feuern Sie mit der Absicht zu töten und hören Sie erst auf, eine Postsendung zu verteidigen, wenn Sie selbst kampfunfähig oder tot sind.

George Corney zitiert in seinem Artikel 'Crime and Postal History: Bring in the Marines!' aus einem radikalen Schreiben an den Marine Corps: "Wenn zwei Marines einen Postwagen bewachen und plötzlich von Banditen bedroht werden, darf keiner seine Hände heben, sondern beide müssen sofort das Feuer eröffnen. Einer mag dabei sterben, aber der andere wird die Angreifer erwischen und die Post retten."

Die einzelnen Marines erhielten ein Handbuch mit 105 Fragen und Antworten zu ihrer Mission. Wie dieser kurze Auszug zeigt, hätte es aber wohl auch einziger Leitspruch getan:

"F: Was, wenn der Räuber eine Pistole nutzt oder mit einer Pistole droht, um zu entkommen?
A: Erschießen Sie ihn.

F: Gibt es einen Rahmenplan für das Verhalten bei einem Überfall?
A: Ja. Fangen Sie an zu schießen und reagieren Sie danach auf weitere Entwicklungen.

F: Wenn ich den Befehl "Hände hoch" höre, soll ich ihm Folge leisten?
A: Nein. Werfen Sie sich zu Boden und beginnen Sie zu schießen.

F: Ist es möglich, einen erfolgreichen Postraub zu begehen?
A: Nur über einen toten Marine."

Kurzum: Erst schießen, dann fragen.
Die Dialoge sind leicht vorstellbar:
Marine: Sir, noch eine Frage zur Klärung, bitte.
Vorgesetzter: Schießen Sie.
Marine: Und was wenn -
Vorgesetzter: Schießen. Sie.

Das klingt alles sehr martialisch - glücklicherweise kam es in den ca. 4 Monaten, bis die Marines wieder abgezogen wurden, zu keinem einzigen Postraub. Vielleicht gerade weil die Soldaten keine postsackfarbene Tarnkleidung trugen, sondern sichtbar präsent waren und jeder potenzielle Räuber genau wusste, welcher Widerstand ihn erwarten würde:

Ein U.S. Marine wartet auf Posträuber.(Bild: "Now Where's the Mail Robbers?"  aus der 'Walter F. Kromp Collection'. Via USMC Archives auf Flickr. Lizenz: CC BY 2.0. Link zur Seite des 'Archives Branch, Marine Corps History Division': Link.)


(Darüber, wie das Zusammentreffen von postaustragenden Marines und Hunden verlief, gibt es, nebenbei bemerkt, leider keine Daten.)

Für ungefähr ein weiteres Jahr nach Ende des Einsatzes, bis April 1923, blieb die Postzustellung ungestört. Dann häuften sich die Überfälle wieder und spätestens ab 1926 steckte man abermals tief in der "Post-Apokalypse". In diese Zeit fällt beispielsweise der misslungene Raubzug der DeAutremont Brüder, die sich gewaltsam Zutritt zu einem Postwagen verschaffen wollten und dabei versehentlich so viel Dynamit einsetzten, dass sie einen guten Teil des Waggons mitsamt seinem Inhalt in die Luft sprengten.

Während die Post begann, eine Sondertruppe bewaffneter Wachmänner auszubilden und gepanzerte Postwagen zu bauen, wurden erneut die Marines zur Unterstützung herangezogen.


Die südafrikanische Lokomotive 'Havelock', als 'Haarige Mary' verkleidet.Kein amerikanischer Zug, aber ein witziges Foto: Die südafrikanische Lokomotive 'Havelock', ca. 1898. Statt sie durch eine Ummantelung mit Platten zu panzern, behängte man sie mit dicken Seilen. Die Truppen nannten sie 'Haarige Mary'.
(Bild: Wikimedia. Public Domain.)


Und wieder endeten die Angriffe auf Postboten quasi über Nacht. Wie bei ihrem ersten Einsatz wurden die Soldaten in Postämtern und Regierungsgebäuden einquartiert und unterstützten einige Monate lang die Postzustellung, ohne dass es zu nennenswerten Vorfällen kam. Ihre Beziehung zur lokalen Bevölkerung war im Allgemeinen freundschaftlich. Nur der Schützenverein in San José, Kalifornien nahm es General Smedley Butler ein bisschen übel, dass er kurzfristig ein paar Scharfschützen dort stationierte, um eine lukrative Wette zu gewinnen, die der örtliche Postmeister mit dem Schützenverein abgeschlossen hatte.

An diesem Punkt endet unsere heutige Erzählung - vielleicht ein wenig antiklimaktisch, aber immerhin harmonisch und friedlich, wie es in Verbindung mit Postkarten meist der Fall ist. Einmal mehr konnten sich Brieffreundinnen sorglos miteinander unterhalten und glockenhelles Babylachen erfüllte das Land. Erfreulicherweise kam es nie zu so einem Bild:

Berühmte letzte Worte: "Die Sonne ist Gott."Der "Sterbende Trojanische Krieger" aus dem Aphaiatempel.
(Bild: "Aphaia pediment Laomedon E-XI Glyptothek Munich 85". Von J. M. Harrington (Nefasdicere auf En.Wikipedia). 2006-08-13. Via Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY 2.5.)

 

Oder, um es mit dem Motiv einer unserer Postkarten auszudrücken:
Glücklicherweise musste niemand...

'Three daisies' von Christine Eder für istillwritecards.com, verfügbar als Postkarte....die Radieschen und Gänseblümchen von unten betrachten. (Die englische Redewendung 'pushing up daisies' ist hier noch ein bisschen passender.) Aber Du kennst sicherlich den Spruch aus einem obskuren 90er-Jahre-Adventure-Game: “The moral of every story is the same: We may have years, we may have hours, but sooner or later, we push up flowers.” (Lose übersetzt: "Jede Geschichte hat dieselbe Moral: Vielleicht haben wir Jahre, vielleicht Stunden, aber früher oder später sehen wir die Blumen von unten.") Darum – und ohne eine Spaßbremse sein zu wollen – denke bitte daran, Deinen Liebsten rechtzeitig eine Postkarte zu senden. :-)


Und was ist nun die eigentliche Moral dieses Blogposts? Geschichten haben zwar nicht immer eine Moral, aber vielleicht das: Sende Deinen Freunden und Freundinnen Postkarten oder sie werden in ihrem Kummer zu Posträubern und dann muss die Armee einschreiten. Oh und: Schickt Karten, nicht Kinder!

 

Danke fürs Lesen.
David Weger
Einige Quellen:
1. Smithsonian.com: A Brief History of Children Sent Through the Mail by Danny Lewis
2. Smithsonian National Postal Museum: Precious Packages - America's Parcel Post Service
3. Smithsonian's National Postal Museum Blog: "Very Special Deliveries" by Nancy Pope
4. Marine Corps Gazette: "Crime and Postal History: Bring in the Marines!" by George Corney
5. thelibrary.org: "Shipping Parcel Post in 1918"

 



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