The medium is the message. Teil I von II. - Istillwritecards

February 11, 2017 3 Comments

The medium is the message.
Wie Postkarten im Wettstreit um Aufmerksamkeit gegen Katzenvideos und elektronische Grußbotschaften gewinnen. Argumente für Romantikerinnen und Pragmatikerinnen.

(Teil I von II)

Gott und Adam strecken ihre Hände aus, wie bei einem Austausch von Postkarten.Michelangelos 'Die Erschaffung Adams'. In dem Bild wird auf rätselhafte Weise kommuniziert. In diesem Artikel wirst Du herausfinden, was dieses Gemälde mit Postkarten verbindet.
(Bildquelle: Wikimedia. Public Domain.)

 
Der große kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan zeigte, warum die Form und Eigenschaften eines Mediums mitunter wesentlicher sind als sein Inhalt. Die Form hat nämlich einen starken Einfluss auf den Effekt, den eine Nachricht auf ihre Empfängerin ausübt. McLuhan prägte dafür das berühmte Bonmot: „The medium is the message“.

Anhand dieser Beobachtung lassen sich einige moderne Kommunikationsmittel besser verstehen und es wird deutlich, worin auch im Zeitalter der digitalen Vernetzung noch immer die unbestrittenen Vorteile der klassischen Postkarte liegen.

McLuhan war ein kontroverser Charakter; er behauptete beispielsweise, die Lektüre‚seriöser’ Bücher erst auf Seite 69 zu beginnen und nur die rechten Seiten zu lesen, damit sein Gehirn sich durch das kreative Füllen der Lücken selbst zur Konzentration motivieren würde. Ihm zu Ehren scheint es angemessen, in diesem Essay Postkarten auf eine Weise zu betrachten, wie Du es bestimmt noch nirgendwo gesehen hast. Manche dieser Ideen könnten Dich zunächst überraschen, ja möglicherweise sogar irritieren, aber ich hoffe, dass Du den Text letztlich mit erneuerter Bewunderung für das fabelhafte Medium ‚Postkarte’ beenden wirst.

Ein junger Marshall McLuhan, vermutlich denkt er gerade über Postkarten nach.Der junge Marshall McLuhan - nicht grundlos hat ihn jemand als 'intellektuellen Dandy' bezeichnet.
(Bildquelle: Library and Archives Canada / Josephine Smith. Public Domain.)

Hier ist der vielversprechende Reiseplan: Wir sehen uns an, warum die Karte als ‚Twitter des Postverkehrs’ gelten kann; was sie mit einem höflichen Händeschütteln und einem Kunstwerk Michelangelos gemeinsam hat; und wie sie als Teil einer kleinen Zeremonie auch dann die Aufmerksamkeit der Leserin an sich binden kann, wenn diese lieber gerade Katzenvideos anschauen würde. Nebenbei wird der Einwand ausgeräumt, das Schreiben von Karten wäre zu mühsam. Sowohl Romantikerinnen als auch Pragmatikerinnen können vom Medium der Postkarte profitieren.

Klingt spannend, oder? Allerwenigstens kannst Du sicher sein, dass ich Deine Zeit nicht damit verschwenden werde, Dir Dinge zu erzählen, die Du schon weißt. Also: Bitte anschnallen für eine wilde Fahrt…


Verstehe das Medium (an einem Beispiel): Facebook ist ‚leger’. „Ja“ bedeutet „Vielleicht“.

Wenn Du schon einmal auf Facebook die Ankündigung zu einem Event beobachtet hast, wirst Du wahrscheinlich festgestellt haben, dass viele Leute eine Teilnahme vermerken und dann doch nicht kommen.

Ein „Ja“ in den sozialen Netzwerken ist daher oft eher als ein „Vielleicht“ zu interpretieren. Hat man das einmal durchschaut, kann man damit gut zurechtkommen. Bei unerfahrenen Nutzerinnen führt dieses Phänomen jedoch mitunter zu Fehlkalkulationen in der Partyplanung: Wer sich beim Einkaufen für ein Buffet nur auf virtuelle Zusagen verlässt, wird vermutlich noch mehrere Tage danach Nudelsalatreste essen müssen.

Die naive Gastgeberin begeht nämlich einen grundlegenden Fehler: Sie glaubt, dass dieselbe Botschaft in allen Medien auch dieselbe Bedeutung hat. Das ist aber keineswegs der Fall, so der Medientheoretiker Marshall McLuhan. McLuhan stellte fest, dass wir das Medium verstehen müssen, um die ‚Message’ einordnen zu können.

Im konkreten Fall bedeutet dies: Wir müssen begreifen, dass soziale Netzwerke Medien zwangloser, informeller Kommunikation sind. Sie sind ‚leger’: Durch eine minimale Bewegung des Zeigefingers beginnt oder endet eine Freundschaft. Die Leserin Deiner Mitteilung macht geschätzte 5000 Mausklicks am Tag und einer dieser Klicks ist der ‚Teilnehmen’-Button zu Deiner Partyeinladung. Dieser eine Klick bedeutet ihr aber nicht mehr als die 4999 anderen. Darum gilt: „Ja“ bedeutet „Vielleicht“.

Eine gemalte Party. Ist 'die Postkarte' vielleicht der Anlass für die Feierlichkeiten?Eine Party im Dänemark des 19. Jahrhunderts, gemalt von Peder Severin Krøyer. Ah, sorglose Tage, als man sich noch nicht den Kopf zerbrechen musste über das Design sozialer Medien und die damit verbundene Etikette. Eine Epoche, in der jeder elegant aussah, ohne sich bemühen zu müssen.
(Bildquelle: Wikimedia / UFA66. Public Domain.)

Die Postkarte ist auch ‚leger’, aber gleichzeitig elegant. (Klingt paradox, ist aber so.)

Damit wir uns nicht missverstehen: Dies ist keine grundsätzliche Kritik an den digitalen Medien, die zweifelsohne viele Vorteile bieten. Aber es ist immer sinnvoll, die Werkzeuge, die man benützt, zu analysieren - besonders, wenn es sich um neue Technologien handelt. Damit man eben nicht am Ende mit zu viel Nudelsalat dasteht. So lecker er auch schmeckt.

Außerdem verdeutlicht das bessere Verständnis verschiedener Kommunikationsmittel auch ihre Vor- und Nachteile. So wird leicht begreiflich, dass die Unkompliziertheit des elektronischen Schriftverkehrs durchaus auch für die Postkarte gilt. Keinesfalls macht diese längere Vorausplanung erforderlich, wie es unter Umständen ein Brief tut, der in seiner Länge unbegrenzt ist. Stattdessen bietet die Postkarte durch ihr kompaktes Textfeld eine klare Struktur, die ausreichend Spielraum eröffnet, um sich zu artikulieren, nicht jedoch so viel, dass jemand in die unangenehme Lage kommen könnte, unter Zwang Leerstellen füllen zu müssen.

„Die Karte als Twitter des Postverkehrs.“

Wenn wir die Postkarte in ihrer Beziehung zu anderen Medien einordnen wollen, könnten wir sie im Hinblick auf ihr klar umrissenes Format mit der Zeichenbegrenzung in manchen elektronischen Medien vergleichen und sie als ‚Twitter des Postverkehrs’ bezeichnen.

„Die Postkarte als Mischung von SMS und Brief.“

Im Hinblick auf ihre unkomplizierte Gemütlichkeit bei gleichzeitiger Eleganz könnte man die Postkarte als eine ‚Mischung von SMS und Brief’ auffassen. Die Postkarte verspricht eine ‚kurze und knackige’ Mitteilung, durch ihren handschriftlichen Charakter und das kunstvolle Motiv vermittelt sie diese jedoch auf geschmackvolle Art und Weise. Sie ist weit mehr als nur einer von 5000 Klicks am Tag. Die Briefmarke und der Poststempel verleihen ihr beinahe den Anschein einer feierlichen Amtlichkeit, so wie dies früher ein rotes Wachssiegel auf einem Brief getan hätte.

Damit vereint die Postkarte die Vorzüge mehrerer Medien, sie ist persönlich und doch pflegeleicht.


Das Kartenschreiben als Handlung. Ein pragmatischer Einwand: Zu viel Mühe!

Wenn Du mehr Pragmatikerin als Romantikerin bist, hast Du an dieser Stelle vielleicht einen kleinen Einwand:  Trotz all der blumigen Schilderungen ist das Schreiben und Absenden der Postkarte doch noch ein bisschen aufwändiger als das Verfassen einer E-Mail, welches bloß ein paar Mausklicks und gedrückte Tasten erfordert.

In diesem Fall kann Dich möglicherweise ein ebenfalls pragmatisches Argument für Postkarten überzeugen. (Wie Du aber gleich sehen wirst, fällt es mit einer romantischen Betrachtung zusammen.)

Erstens: Der Mehraufwand ist sehr gering. Es stimmt, dass elektronische Kommunikation so passiv ist, dass die täglich durch Mausklicks getätigte körperliche Aktivität in etwa einem Kalorienverbrauch in der Größenordnung einer verzehrten Babykarotte entspricht. Das Aufkleben einer Briefmarke und das Ausstrecken des Armes zum Einwerfen in den Briefkasten ist allerdings auch nicht gerade Hochleistungssport. Vor allem, weil wir Dir die Karten ja sowieso bis vor die Haustür liefern. Darauf kannst Du Dich verlassen, denn sonst würde ich an dieser Stelle versuchen, das Postkartenschreiben als Wundermittel für ein gesünderes und längeres Leben zu vermarkten. Dass Postkartenschreiberinnen im Allgemeinen außergewöhnlich schöne Menschen sind, ist aber natürlich trotzdem wissenschaftlich bewiesen.

Zweitens und noch viel wichtiger: Durch den minimalen Mehraufwand des Postkartenschreibens gegenüber dem Verfassen einer E-Mail erzeugst Du einen maximalen Effekt, mit Vorteilen für Dich und die Adressatin. Gerade, dass wir es hier mit einer richtigen Handlung zu tun haben, wie sie bei der elektronischen Kommunikation nicht vorkommt, beschwört ja die ‚Magie der Postkarte’.

Pass auf…

- Ende Teil I von II. Um Teil 2 zu lesen, klick bitte hier. - 


Oje, wie werde ich mich da nur herausreden? Wie werde ich alle Befürchtungen ausräumen können, dass das Schreiben von Postkarten eine Unannehmlichkeit darstellt? Und was hat es mit diesem Gemälde von Michelangelo auf sich, das ich als Titelbild für den Artikel gewählt habe?

Um dies herauszufinden, schau Dir bitte den kommenden Blogeintrag an, wo ich meinen Arm ausstrecken werde, um Dir dabei zu helfen, auf das Kliff zu klettern, von dem ich Dich vorerst hängen lassen muss. Denn, wie Du bald herausfinden wirst, geht es beim Verschicken von Postkarten genau darum, anderen Leuten die Hand zu reichen und sie davor zu retten, von einem gefährlichen Kliff zu stürzen.

Liebe Grüße bis dahin,
David Weger


3 Responses

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

February 19, 2017

Ha, dann geht meine geheime Blogstrategie ja auf! Unterschwellig versuche ich nämlich zu bewirken, dass Du als Leserin beginnst, alle Alltagsgegenstände mit Postkarten-Assoziationen zu verknüpfen. Wenn Du Nudelsalat isst, sollst Du den Geschmack von Papier im Mund haben; wenn Dir ein quengelndes Baby über den Weg läuft, sollst Du nichts als das Klimpern des Postkastens beim Einwerfen einer Karte hören; wenn Du ein Kätzchen streichelst, soll sich Deine Armbewegung wie das Entnehmen einer Karte aus deinem Hausbriefkasten anfühlen. Diese raffinierte Kampagne kann einfach nicht scheitern!

Johanna
Johanna

February 11, 2017

Und es geht so spannend weiter! Wäre ich nicht schon überzeugte Postkartenschreiberin, so hättest du mich spätestens mit diesen Argumenten überzeugt. Nichtsdestotrotz erwarte ich schon gespannt den zweiten Teil der Reise!

… und irgendwie hab ich jetzt Lust auf Nudelsalat – ich weiß auch nicht, woher das kommen könnte!

David Weger (Writer for Istillwritecards)
David Weger (Writer for Istillwritecards)

February 11, 2017

Oh, beinahe vergessen: im zweiten Teil werden auch Katzen auftreten. Und es wird ein Feuerwerk geben. Hach, wird das wunderbar!

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