‚Digital Natives’ sehnen sich nach einem analogen Leben. Teil 2. - Istillwritecards

April 24, 2017

Die ‚Digital Natives’ sehnen sich nach einem analogen Leben.
Geschichte einer medienkulturellen Renaissance: Vom Verschwinden der Dinge und ihrer Rückkehr.

(Teil 2 von 3)

'It's a fall kind of day' von Christine Eder. Schau mal, wo die 'organischen Farben' in diesem Bild sind und wo sie nicht sind. Das verblüfft mich immer wieder aufs Neue und ich beginne darüber nachzugrübeln...
Willkommen zurück, liebe Leserin, lieber Leser! Merkst Du, wie sich die Farbe der Blätter seit Teil 1 verändert hat? Ich hoffe jedenfalls, dass Du diesen Artikel aufmerksam liest und die Blogposts nicht nur durchblätterst. Verstehst Du: "durchblätterst"?! Wegen dem herbstlichen Bild! Ok, vielleicht war das Wortspiel doch nicht so geistreich. Lass es mich noch einmal probieren, diesmal stell Dir vor, dass ich, statt unseres Motivs 'It's a fall kind of day', die Photographie 'The flea market' hier platziert habe. Auf ihr sind alte Radios zu sehen:
Danke, dass Du wieder eingeschaltet hast! Wusstest Du, dass ein kleiner Teil des Rauschens im analogen Fernsehen und bei FM Radios von der Hintergrundstrahlung kommt, die vom Urknall und der darauf folgenden 'recombination epoch' stammt? Astrophysiker nennen dieses Phänomen die kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung und sie nutzen es, um mehr über frühe Phasen des Universums herauszufinden. In der digitalen Übertragung geht dieses 'Feature' verloren, aber das Analoge ist im Einklang mit dem Universum... 
Ha, schon besser!

 

Dies ist Teil 2 eines dreiteiligen Artikels. Um Teil 1 zu lesen, klick bitte hier.

Sein oder Nichtsein der Dinge: Papier und Pixel bereichern gleichermaßen unser Leben.

Häufig wird medial eine Art Kulturkampf inszeniert: „Entweder Schallplatten oder MP3s“, heißt es zum Beispiel. Diese Betrachtungsweise eignet sich ausgezeichnet für polarisierende Schlagzeilen und gefällt auch den Tech-Konzernen, weil sie sich durch diese Gegenüberstellung auf der Seite des ‚Fortschritts’ positionieren können. Wie Du an meinen Beschreibungen der ‚medienkulturellen Renaissance’ sehen kannst, ist die Lebensrealität vieler Menschen aber bunter.

Die Gerüchte über den Tod des Analogen waren zu jedem Zeitpunkt stark übertrieben. Statt das Analoge zu ersetzen, hat die Digitalisierung eine Sehnsucht nach ihm entfacht. Die Zukunft ist nicht bloß digital: Sie ist digital und analog.
Zunehmend werden elektronische und physische Medien nebeneinander genutzt, denn beide bieten ihre jeweils eigenen Vorzüge und Chancen, die sich auch gut ergänzen können: Nur dank des Internets habe ich jetzt das Vergnügen, zu Dir über Postkarten sprechen zu dürfen.

Die Entwicklung geht also nicht nur in eine Richtung. Leute hören Alben online an und kaufen die Musik danach als Schallplatte. Die auf Aquarellpapier gemalten Bilder der Künstlerin Christine Eder werden digitale Images auf dieser Webseite, die wiederum auf Karton gedruckte Postkarten in Deinen Händen sein können. Ebendiese Postkarten leben in einem friedlichen Miteinander mit E-Mails.

So kann diese Symbiose aussehen:
Transcendental beauty, gemalt von Christine Eder.
Das handgefertigte Original verwandelt sich über den digitalen Umweg zurück zur papierenen Postkarte.
(Bild: 'Transcendental Beauty' aus unserer Kollektion, wo es nebenher weiterhin in einer virtuellen Galerie zu betrachten ist.)


Die Schönen und das Unsichtbare: Was macht analoge Medien besonders?

Durch technologische Bereicherungen lernen wir, uns mit neuer Perspektive und Wertschätzung auf das Analoge zurückzubesinnen und dessen Eigenheiten erst richtig zu erkennen. Gerade im Vergleich zur unsichtbaren MP3-Datei enthüllt die Schallplatte ihre ganze Schönheit. Erst im blauen Licht unserer Bildschirme kommt die ‚analoge Wärme’ zur Geltung.

Hier sind drei zentrale Eigenschaften analoger Medien und was sie für Postkarten bedeuten:
(Ein Hinweis: Beim Lesen der folgenden Analyse bedenke bitte: Ich betrachte es als eine Tatsache, dass wir alle täglich die wunderbaren Vorzüge diverser digitaler Apparaturen genießen. Meine Kritik am Digitalen soll also keinesfalls dazu aufrufen, darauf zu verzichten. Vielmehr denke ich, dass wir digitale und analoge Medien gleichermaßen nutzen sollten. Hier sind die Gründe...)

1.) Physische Medien haben ihre eigene Ästhetik. Sie sind Kunstgegenstände.

Die Postkarte ist ein wundervolles Mittel, um Botschaften zu transportieren, aber sie ist gleichzeitig auch mehr als nur ein Träger für etwas anderes. Sie ist schön für sich genommen.

Mit einer Postkarte schenkst Du ein kleines Gemälde her, das tatsächlich in den Besitz des Empfängers übergeht, während Du in der digitalen Version nur eine fiktive Kopie vermittelst. Du kannst die Motive unserer Postkarten gerne über Facebook teilen, aber das kommt nicht an die Erfahrung heran, einen berührbaren Gegenstand weiterzugeben.

Als echte Objekte sind Postkarten ein Schritt zu einer aktiven Gestaltung Deiner Umwelt: Kunst statt weißer Wände. Damit ist die Wahl Deiner Medien auch eine Entscheidung darüber, in welcher Welt Du leben möchtest.

Neben den Umschlägen von Büchern, werden auch Schallplatten-Cover oft von kreativen Grafikern entworfen, weil man sie – ebenso wie in unserem Fall die Postkarte – als Kunstwerke ansieht, die einen eigenen Wert innehaben. Viele Hüllen erlangen daher Kultstatus, legendär sind z.B. von Andy Warhol gestaltete Cover, die echte Reißverschlüsse oder schälbare Bananenbilder einsetzen.

Demgegenüber stehen digitale Audiodateien, die schlichtweg unsichtbar sind. Betrachtet man die Postkarte auf diese Weise, wird deutlich, dass sie und andere analoge Medien im Grunde gar nicht ersetzt werden können.

Spannenderweise erkannte die grundlegende Bedeutung der Ästhetik von physischen Objekten auch eine Person, die wie kaum eine andere für Digitalisierung steht: Apple-Ikone Steve Jobs. Seine legendäre Besessenheit für schön designte Tech-Produkte war tatsächlich eine Grundeinstellung: Die Wahl einer neuen Waschmaschine erforderte ebenfalls wochenlange Familiendiskussionen. Er sah diese Entscheidung als einen Prozess an, in dem man sich über die eigenen Werte und Lebensvorstellungen klarwerden musste. Als er sich letztlich für ein Modell entschlossen hatte, bemerkte er in einem Interview mit dem Magazin Wired: „Ich habe mehr Freude an diesem Gerät, als ich es in den letzten Jahren an Hightech-Produkten hatte.“

2.) Analoge Medien sind mit Handlungen und Ritualen verknüpft. Sie sind Teil einer reichhaltigen Lebenswelt und Lebensweise.

Postkarten zu schreiben ist ein angenehmer Zeitvertreib.
Savoir-vivre: Ah, so lässt sich's leben! Jemand zelebriert das gute Leben mit Postkarten von Istillwritecards.


So klingt das Öffnen einer E-Mail: Klick. So klingt das Abspielen eines Songs: Klick. So klingt das Aufrufen dieses Blogs: Klick. Digitales sitzt in einer Vitrine, hinter einer Glasscheibe und verlangt im Grunde immer dieselbe distanzierte Bedienung. Analoges ist vielfältig, nah und lebendig.

Psychologen und Designer sprechen vom ‚Aufforderungscharakter’ der Dinge. Das bedeutet, dass ein Gegenstand dem Betrachter nahelegt, ihn zu aktivieren - und zwar durch eine bestimmte Handlung. Mit allen analogen Objekten sind gewisse Rituale verbunden. Bei der Schallplatte besteht so ein Ritual beispielsweise aus dem behutsamen Herausziehen einer Platte aus ihrer Hülle, dem Auflegen auf die Spielfläche, dem Herablassen der Nadel und dem knisternden Augenblick der Erwartung, unmittelbar bevor die Musik einsetzt. Bei Postkarten sind es das konzentrierte Schreiben, das Aufkleben der Marke, das Einwerfen in einen Briefkasten.

Viele Menschen schätzen die Gesamterfahrung, die sich aus diesen Ritualen und dem vorangehenden Stöbern im Buch- oder Plattengeschäft ergibt. Dieses Erlebnis möchten wir Dir auch durch die Gestaltung der Webseite ermöglichen: Hoffentlich gefällt es Dir, wie in einer Galerie durch die Motive der Karten zu flanieren, die Gedichte auf Dich wirken zu lassen und die Blogartikel zu lesen.

Weil es bei analogen Sachen immer auch um Aktivitäten geht, ist die bewusste Entscheidung darüber, welche Medien Du nutzen möchtest, eng verknüpft mit der Frage, wie Du leben willst. Beim Akt des Postkartenschreibens - wie beim Auflegen einer Schallplatte oder dem Schießen eines Polaroidfotos -, geht es im Grunde um ein gutes Leben. Es geht darum, Dinge sorgfältig und mit Liebe zu tun. (So macht auch die leicht paradoxe Formulierung: „Dinge tun“ auf einmal mehr Sinn!)

Drei konkrete Beispiele:

- Schallplatten werden häufig als ganze Alben gehört, wie sie vom Musiker konzipiert sind, während iPods durch die beliebte Option „Shuffle“ zufällige, unzusammenhängende Lieder abspielen.

- Das Drucken eines Digitalfotos ist kein Erlebnis auf das man sich freut. Gemeinsam zuzusehen, wie sich ein Sofortbild entwickelt und dieses dann zu verschenken, hat hingegen einen Hauch von weihnachtlicher Bescherung.

- Ein E-Book zu verschenken: Klick. Es zu lesen: Klick. Ein gedrucktes Buch aber bietet seine eigenen leidenschaftlichen Handlungsoptionen, die es Dir mit einem verheißungsvollen Rascheln zuraunt: Du kannst eine Widmung hineinschreiben; es wütend aus dem Fenster schmeißen, wenn Dich die Story ärgert; oder Buchskulpturen daraus basteln.

Buchskulpturen? Ganz recht! Vielleicht erinnerst Du Dich daran, was ich über die Omnipräsenz von Katzen im Internet geschrieben habe in Teil 2 von 'The medium is the message'. Nun, anscheinend kann man ihnen auch in der papierenen Welt nicht entkommen:
Eine Book-Origami-Katze, gebastelt von Verena Schiffner, gefunden auf Wikipedia.
(Bild: 'Book-Origami: Katze' von Verena Schiffner. Via Wikimedia. License: CC0 1.0.)
Auf den ersten Blick mag die Behandlung, die diesem Buch zugekommen ist, ein wenig brutal wirken, aber ich glaube, dass nur eine Person, der Bücher sehr am Herzen liegen, überhaupt auf so eine Idee kommen kann - und tatsächlich ist die Künstlerin Buchhändlerin. Zudem ist die Katze in diesem Buch-Origami offenbar nur gefaltet, nicht geschnitten, was ziemlich beeindruckend ist.
Was Buchskulpturen betrifft, so möchte ich Dir im Übrigen diesen Google-Link wärmstens empfehlen. Du findest dort eine überwältigende Ansammlung von Kunstwerken - Drachen, Wale und Wälder, die buchstäblich aus den Seiten herauswachsen; Schiffe, die in ebendiese versinken; eine Teeparty des verrückten Hutmachers, die auf einem Buch stattfindet und Papier-Skelette, die Whisky trinken während sie sich eine Schallplatte anhören...schau es dir am besten selbst an!
Und dann ist da noch die coole Geschichte über eine Reihe von Buchskulpturen, die eine anonyme Person in verschiedenen Kultureinrichtungen in Edinburgh, Schottland, hinterlassen hat. Mehr dazu findest du hier: Wikipedia.
Aus all dem ergibt sich folgende Einsicht: Diese wundervollen Dinge existieren, weil physische Objekte - in diesem Fall Bücher - neue Welten öffnen. Es ist nicht möglich, den Inhalt eines analogen Mediums zu digitalisieren, ohne dass in diesem Prozess etwas verloren geht.

 

3.) Digitales ist Massen- und Wegwerfware. Analoges ist einzigartig und hat Qualität.

Ok, vielleicht klingt das ein wenig zu hart. Soll es eigentlich gar nicht - unser Photograph, Clemens, hat digitale Photographie ja selbst sehr gern. Trotzdem, im Sinne dieser Analyse, erlaube mir folgende Beobachtung:

Beim analogen Fotografieren gehen die Fotografen gewissenhaft mit dem begrenzten Filmmaterial um. Sie kämpfen um jeden Schatten. Das ist die Antithese zur digitalen Fotografie, bei der man ganze Abende damit verbringt, nur auszusortieren. (Wenn man sich die Fotos überhaupt noch einmal ansieht.)

So ist es auch in der Kommunikation: Eine E-Mail versinkt im Archiv oder wird gar gelöscht. Eine Postkarte hingegen wird an den Kühlschrank geheftet. Als physischer Gegenstand ist sie ein hausgemachtes Heilmittel gegen das Vergessen: Was körperlich existiert, kann nie ganz vergessen werden. Früher oder später taucht es immer wieder auf.

Als liebevolles Medium ermöglicht die Postkarte aufrichtige Gefühle statt einförmiger Standardkommunikation. Wähle eine Karte nach dem Geschmack eines besonderen Menschen oder ein Bild, das Dich persönlich anspricht. Dann überlege Dir, was Du sagen willst. Setz’ Dich hin, um zu schreiben, und widme Dich einen Augenblick lang nur der Karte und ihrem Empfänger. Teile diesen intimen Moment durch die Postkarte mit dem Adressaten.

Die Postkarte ist als kleines Kunstwerk ein einzigartiger Gegenstand, der durch Deine Handschrift, die spezielle Briefmarke und den Poststempel mit Zeit- und Ortsangabe ihres Reiseantritts eine lebendige ‚Aura’ erhält. Sie unterscheidet sich von der Massenware der Onlinekommunikation, die immer dasselbe Design hat.

Sehen wir uns diesen Punkt zum krönenden Abschluss etwas genauer an…

- Ende Teil 2 von 3. Um Teil 3 zu lesen, klick bitte hier. -

Beim nächsten Mal: Jede Geschichte braucht einen großen Showdown. Die Heldenreise der Postkarte als Verfechterin analoger Medien kommt zu ihrem epischen Höhepunkt, als sie sich der Konfrontation mit ihrem eigenen digitalen Spiegelbild stellen muss: der E-Mail. Natürlich haben wir sie alle beide lieb. Aber dieses spannungsgeladene Finale muss trotzdem stattfinden. Wenn Du der Karte gerne ein paar nette Worte mit auf den Weg geben möchtest oder einige Perlen der Weisheit, um sie für die kommende Herausforderung zu wappnen, ja wenn du sie zum vielleicht letzten Mal in deinen Armen halten willst, dann weißt Du, wo Du sie findest. (Tipp: In unserer Sammlung.)

Hoffentlich bis bald,
David Weger


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