‚Digital Natives’ sehnen sich nach einem analogen Leben. Teil 1. - Istillwritecards

March 28, 2017

Die ‚Digital Natives’ sehnen sich nach einem analogen Leben.
Geschichte einer medienkulturellen Renaissance: Vom Verschwinden der Dinge und ihrer Rückkehr.

(Teil 1 von 3)

Vier Medien, die mit P beginnen: Postkarten, Polaroids, Platten, Pücher...ähm, Printmedien. Allesamt physische Medien, hat man ihnen mitunter vorhergesagt, in einer ‚digitalen Welt’ dem großen Verschwinden anheimzufallen. Dennoch bleiben sie ein bedeutsamer Bestandteil unseres kulturellen Lebens und erfreuen sich sogar wachsender Beliebtheit – besonders bei einem jungen Publikum, das zunehmend die Vorzüge der analogen Sphäre für sich entdeckt. Worin liegt der Reiz des ‚Analogen’?

Der nette Altweibersommer ist in dieser Aufnahme bereits vorüber: Gelbes und rotes Blattwerk knistert im Nebel. Bleiche Stämme tragen üppige Baumkronen.
Während ich dies schreibe, verfärben sich die Blätter draußen langsam und nehmen eine feuille-morte Tönung an. Dieses Photo zeigt die nahe Zukunft: Die herbstliche Stimmung weckt in mir bereits eine vage Sehnsucht nach der 'analogen Wärme'. Es ist Zeit für süße Melancholie; für Gesichter, die über dampfenden Teetassen schweben wie Hexen über ihren Kesseln; Zeit, mich in meinem gemütlichen Zuhause einzuigeln, um Postkarten zu schreiben und Platten anzuhören.
(Bild: 'Fall has come and gone' aus unserer Sammlung. Geknipst von Clemens Eder, der nicht daheimgeblieben, sondern aufgebrochen ist, um dieses wunderschöne Photo zu machen, damit ich nicht raus muss für diesen Anblick - danke, Clemens!)

Zum Einstieg: Eine Geschichte aus zwei Städten und zwei Zimmern.

Dublin, Herbst 2007: Ich arbeite in Dublin, einer Art ‚europäischem Silicon Valley’ mit einer boomenden internationalen Tech-Szene – heute beheimatet die Stadt neben vielen kleinen Firmen auch namhafte Unternehmen wie Google, Facebook und Twitter. So aufregend dies klingt, so trostlos sieht das winzige Zimmer aus, in dem ich wohne. Kahle, weiße Wände; ein Bett; eine Reisetasche mit Kleidung; ein Laptop. Eine einzige Sigur Rós CD, strategisch platziert in dem etwas fehlgeleiteten Versuch, eine Frau zu beeindrucken.

Im Grunde lebe ich das konsequente Endergebnis der Digitalisierung: Alle Medien, die früher eigenständige und vielfältige Erscheinungsformen hatten, sind nun in einem einzigen Gerät verschmolzen. Meine Musik, Filme, Bücher, Fotos, Nachrichten und Notizen: Alle sitzen in einem kleinen Bildschirm. Das erleichtert das Reisen, lässt aber meine unmittelbare Umgebung steril zurück. Mein leeres Zimmer erinnert mich unangenehm an einen dieser Isolations-Tanks, die man entworfen hat, um Personen alle Sinneseindrücke zu entziehen.

Wien, Spätsommer 2016: Schwarz und schwer dreht sich eine Schallplatte im Raum. Warmes Nachmittagslicht rieselt durchs Fensterglas. Im Hof verschwindet das Chlorophyll langsam aus den Blättern der Eichen und hinterlässt rote und gelbe Farbtöne. Zu Miles Davis mischt sich gelegentlich eine leise Unterströmung: Das ferne Anschwellen und Verrauschen von Motorengeräuschen vorbeibrummender Autos im Doppler-Effekt. Das Ventil einer Thermoskanne mit heißem Tee zwitschert sanft, während meine Finger über eine alte Postkarte streichen – die vergegenständlichte Erinnerung an eine verflossene Liebe.

Ich stehe vor einem Tisch und schaue auf ihn herab: Ein weißes Tischtuch; links eine Ansammlung aufgeschlagener Bücher und Notizzettel; in der rechten oberen Ecke einige Polaroidfotos. Eigentlich gleicht der Tisch einer großen Postkarte: Schrift vor weißem Hintergrund und eine Polaroid-Briefmarke.
Ich grüble nach, wie ich diesen Blogeintrag beginnen könnte und stelle mit einem Mal fest: Wir sind bereits mitten drin. Und ich sollte mir eine kleine Auszeit nehmen, denn ich beginne anscheinend, überall Postkarten zu sehen…

Eine medienkulturelle Renaissance: 3 verblüffende Fallbeispiele.

Wenn man die Kulturteile europäischer Zeitungen studiert, erwächst oft der Eindruck, dass die vollständige Elektronisierung aller Lebensbereiche unmittelbar bevorsteht. Es scheint häufig so, als ob die Tage der allerletzten Druckerpresse gezählt sind und die Welt schon ab morgen nur noch aus Bits und Bytes bestehen wird. Eine genauere Betrachtung enthüllt jedoch ein komplexeres Bild der Gegenwart, wie die eingangs von der Financial Times übernommene Schlagzeile verdeutlicht.

Bei der Wahl meiner Medien habe ich mich nämlich in eine gegenteilige Richtung entwickelt: nicht hin zur vollständigen Digitalisierung, sondern weg von ihr. Ich habe mich also im Laufe der Jahre den physischen Dingen bzw. – wenn man den Begriff etwas weiter fasst – dem ‚Analogen’ zugewandt. Überraschenderweise bin ich damit keineswegs allein, sondern Teil einer großen kulturellen Bewegung: Viele Menschen entscheiden sich selbst in einer digitalen Ära bewusst für Medien, die sie berühren können.

In einem unvernünftigen Anfall maßloser Übertreibung habe ich für Dich 100 Artikel über dieses faszinierende Phänomen gelesen, alle näheren Verwandten mit „Warum?“-Fragen zur Verzweiflung getrieben und mich im Sinne des alten griechischen Spruches „Erkenne dich selbst!“ im Schatten meiner Bücherregale einer gnadenlosen Selbstanalyse unterzogen. Im Folgenden präsentiere ich Dir kompakt in einem einzigen Essay die wesentlichen Erkenntnisse und was sie für die Postkarte bedeuten. Ich bitte Dich, liebe Leserin, lieber Leser, diesmal, mir Dein Vertrauen zu schenken und Dich auf einen etwas längeren Text einzulassen, denn um der analogen Vielfalt gerecht zu werden, sind auch vielseitige Überlegungen angemessen.

Zunächst drei erstaunliche Beispiele für die Beharrlichkeit des Analogen:

1.) Schallplatten:

Der 'Voyager Golden Record', Taufpatin für alle analogen Medien. Er reist gerade durchs Weltall. Wie cool!Diese Platte besteht zwar nicht aus Vinyl, aber sie ist so cool, dass ich sie trotzdem hier abbilden muss. Auf dem Bild ist der 'Voyager Golden Record' zu sehen, in der Mitte steht: 'The sounds of earth'. Die Datenplatte enthält Musik, Bilder, menschliche Hirnwellen, Geräusche, Grüße in 55 Sprachen und ausgewählte Botschaften an etwaige Finder. Sie ist "ein Geschenk einer kleinen, weit entfernten Welt" an andere Zivilisationen im All. Kopien wurden an Bord der beiden 1977 gestarteten Voyager Raumsonden angebracht. Sie sind gegenwärtig auf einer interstellaren Reise. Mehr dazu auf: Wikipedia.
(Bild: NASA via Wikimedia. Public Domain.) 

In Zeiten von Musikstreaming und Downloads steigen die Umsätze durch neu gepresste Schallplatten. Seit 2007 werden in den USA jedes Jahr mehr Platten verkauft und diese Dynamik zeigt sich im Wesentlichen auch in ganz Europa. Nachdem Vinyl für eine Weile von Liebhabern und Indie-Musikern am Leben gehalten wurde, haben nun auch Major-Labels das ‚schwarze Gold’ wieder für sich entdeckt. Die Nachfrage ist so groß, dass es zu Lieferengpässen kommt, obwohl die Presswerke häufig 24 Stunden pro Tag betrieben werden. Daher hat man mittlerweile sogar begonnen, kostspielige neue Fabriken zu eröffnen.

Obwohl von einem Nischenmarkt zu sprechen ist, wurde 2015 in den USA mehr durch Vinylverkäufe eingenommen als durch Werbung auf Streaming-Plattformen wie YouTube, Spotify und SoundCloud. Die Käuferschaft besteht aus einer gesunden Mischung aller Altersgruppen und Geschlechter, wobei besonders junge Menschen sich für Schallplatten begeistern. 


2.) Polaroid- und Sofortbildfotografie:

Polaroid SX-70 Kamera. Das Photo stammt von Thomas Backa, der die Kamera auf einem Flohmarkt entdeckt hat.Die Polaroid SX-70 Kamera. Sie lässt sich flach zusammenfalten. Ganz ehrlich: ein großartiges Konzept.
(Bild: 'Polaroid SX-70' von Thomas Backa. Via Flickr. Lizenz: CC0 1.0.)

Der Reiz von Polaroidfotos mit ihrem charakteristischen weißen Rahmen und die Freude daran, das geschossene Bild sofort in den Händen zu halten, sind bis heute nicht erloschen. Analoge Fotografie boomt. 

Nachdem die Firma Polaroid ankündigte, kein neues Filmmaterial mehr produzieren zu wollen, kaufte eine Gruppe von Privatinvestoren unter der Initiative des Wieners Florian Kaps die letzte verbleibende Fabrik in den Niederlanden auf. Dabei kam ihnen das FBI zu Hilfe, das einen Teil des damaligen Polaroid-Managements wegen Steuerhinterziehung verhaftete und so den Weg für neue Verhandlungspartner öffnete. Seither beglückt das passend benannte ‚Impossible Project’ erfolgreich eine große Community an Analogfotografen.

Polaroid-Erfinder Edwin Land war übrigens auch eine große Inspiration für Apple-Mitbegründer Steve Jobs. Er inszenierte schon vor Jahrzehnten Produktpräsentationen als fulminante Bühnenshows mit Orchestern und bemühte sich um eine Begegnung von Technik und Kunst. Seine Vision einer Kamera, die alle Menschen in der Tasche mit sich herumtragen sollten, um jederzeit wichtige Eindrücke festhalten zu können, erinnert sehr an das Konzept des Smartphones. Durch die Polaroid-Kamera als Mittel des künstlerischen Ausdrucks sollten die Nutzer ihre Umwelt aufmerksamer betrachten.

Neben dem ‚Impossible Project’ produziert auch Fujifilm gegenwärtig Filme mit schneller Entwicklungszeit und ihre beliebten ‚Instax’-Sofortbildkameras verkaufen sich mitunter besser als digitale Modelle. Die Faszination für das Analoge bleibt dabei aber nicht stehen, sondern hat es sogar bis den digitalen Raum geschafft. Zahlreiche Apps imitieren die Effekte analoger Fotografie, das bekannte Instagram etwa verdankt viel von seiner Popularität der Möglichkeit, „saubere“ digitale Bilder durch verschiedene Filter zu manipulieren.

3.) Bücher:

Stift Melk, ein Benediktinerkloster in Österreich, das sich über dem Ufer der Donau erhebt. Im Bild ist die eindrucksvolle Bibliothek zu bestaunen.
Buchkultur: Die Bibliothek von Stift Melk, das am Ufer der Donau in Österreich liegt. Eine offensichtliche Beobachtung: Nichts von dieser Schönheit würde ohne physische Bücher und die Notwendigkeit, sie zu lagern, existieren.
(Bild: Wikimedia. User: Emgonzalez. Public Domain.)

Der Umsatzanteil von E-Books am gesamten Buchmarkt wird weiterhin selbst in den technikenthusiastischen USA deutlich von gedruckten Büchern in den Schatten gestellt. Statistiken der Association of American Publishers vom ersten Halbjahr 2015 zeigen sogar ein Wachstum im Bereich der Printmedien und einen Rückgang bei E-Books. Im technikkonservativen Deutschland waren E-Books 2014 laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels überhaupt nur für 4,3 % des Gesamtgewinnes bei privaten Käufern verantwortlich. 

Auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind, gibt es jedenfalls definitiv keine ernstzunehmenden Anzeichen dafür, dass E-Books die gedruckte Schrift ersetzen werden.
Dies gilt natürlich genauso für Postkarten. Sie werden weiterhin geschätzt und sogar aktiv mit dem Internet verknüpft statt durch dieses ersetzt. Als Beispiel dafür kann die Webseite ‚Postcrossing’ dienen: Hunderttausende Nutzer weltweit senden einander jährlich Millionen von Karten. Das Projekt ist so beliebt, dass viele europäische Postunternehmen besondere Editionen mit Postcrossing-Briefmarken veröffentlicht haben.

- Ende Teil 1 von 3. Um Teil 2 zu lesen, klick bitte hier. -

So, jetzt kennst Du einige Fakten über die gegenwärtige Stellung analoger Medien. Aber was genau können sie anbieten, das in einem gänzlich digitalen Leben zu kurz kommt? Dieser Frage widmen wir uns beim nächsten Mal.

Bis bald,
David Weger


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